Pornostar Sasha Grey: Ekelhaft, schmutzig und klug
Talkmasterin Tyra Banks konnte ihren Frust irgendwann nicht mehr verbergen. Ihr Gast, die damals 18 Jahre alte Sasha Grey, weigerte sich beharrlich, die Rolle zu spielen, die Banks ihr zugedacht hatte. "Eines Tages", redete Banks schließlich wie ein evangelikaler Prediger auf die mit rosarotem Strick-Pulli und streng zurückgekämmtem Haar züchtig zurechtgemachte Grey ein, "wirst du deine Seele befragen und den wahren Grund dafür heraus bekommen, warum du das tust."
Grey rollte nur still mit den Augen. Schließlich hatte sie die Frage von Banks ja schon längst beantwortet. Sie mache Porno, weil es sich gut anfühle, hatte sie gesagt. Und nein, sie sei nicht missbraucht worden als Kind. Dem Klischee, dass junge Mädchen ins Porno-Geschäft rutschen, weil sie traumatisiert sind, dass sie Opfer auf einem selbstzerstörerischen Weg sind und wieder auf die rechte Bahn gebracht werden müssen, mochte Sasha Grey unter keinen Umständen entsprechen.
Marina Hantzis alias Sasha Grey, mittlerweile 21 Jahre alt, macht Porno, weil sie das will. Sie will das offenbar so sehr, dass sie ihre Pornokarriere einer Hollywood-Karriere vorzieht: Es müsse schon eine ganz besondere Rolle sein, sagt sie, damit sie sich dazu überreden lasse, in einem Mainstream-Film mitzuspielen.
Alleine die Tatsache, dass Sasha Grey die Wahl hat, in die jugendfreie Unterhaltungsbranche zu wechseln, hebt sie von den Tausenden junger Frauen ab, die jedes Jahr ins kalifornische San Fernando Valley strömen - das Hollywood der US-Pornoindustrie. Nicht einmal dem unangefochtenen Superstar der Szene, Jenna Jameson, ist das gelungen. Grey hingegen fliegen die Angebote nur so zu - und das nicht erst, seitdem sie in diesem Frühjahr in "The Girlfriend Experience" von Independent-Kultregisseur Steven Soderbergh eine New Yorker Edelprostituierte spielte.
Die Rolle hat Sasha Grey ihrer Komplexität wegen angenommen, sagt sie, als künstlerische Herausforderung. Überhaupt, sagt Sasha Grey, habe sie trotz ihrer bruchstückhaften Schulbildung im Proleten-Distrikt von Sacramento, North Highland, einen ausgesuchten Geschmack. Zu ihren Lieblingsregisseuren gehören Jean Luc Godard und Michelangelo Antonioni, auf ihrem Nachttisch liegen Bücher von Hunter S. Thompson und Thomas Pynchon. Und tatsächlich - so viel Klischee muss sein - ist sie für eine 21-jährige Pornodarstellerin aus prekären Verhältnissen verblüffend klug. Sie philosophiert in Interviews ebenso beredt über die Kommodifizierung sämtlicher Lebenszusammenhänge, etwa die Privatisierung des öffentlichen Raums, wie über die verschwimmenden Grenzen zwischen Porno und Pop.
Aber Sasha Grey ist nicht nur deswegen der aktuelle Liebling amerikanischer Intellektueller. Es ist ihre schnelle, dynamische Karriere. Mit nicht einmal 18 entschied Sasha Grey sich gezielt für ihre Porno-Karriere und verfolgte diesen Berufsweg mit ungewöhnlicher Systematik. Sie suchte sich den besten Agenten, schrieb eine Bewerbung, in der sie routiniert im Branchenslang ihre Einsatzgebiete aufzählte - Blow Job, Mädchen auf Mädchen, Mädchen auf Junge, anal, doppelte Penetration, doppelt vaginal, doppelt anal und Gang Bang -, und sie hatte eine voll ausgearbeitete Strategie der Selbstvermarktung. Ihr Branding war die Rolle des jungen, scheinbar unschuldigen Mädchens, das im Bett jedoch so hart und pervers sein konnte, dass es selbst abgebrühten männlichen Kollegen bisweilen die Sprache verschlug. "Ekelhaft, laut und schmutzig - das will ich auf der Leinwand sein, deshalb bin ich in diesem Geschäft", sagt Grey.
Schockierend und zugleich faszinierend ist aber nicht in erster Linie, dass sie es vor der Kamera mit 15 Männern gleichzeitig treibt oder sich ihre Schamlippen mit Elektroschocks traktieren lässt, sondern dass sie die Mechanismen der Porno-Industrie so klar, fast emotionslos durchschaut. Sie habe schon mit elf im Internet Pornos studiert, die Posen, die Rollen, die Genres, erzählt sie. Mit 17 war sie dann bereit, einzusteigen. Und so hat Sasha Grey vom ersten Tag an den Spieß umgedreht und die vermeintlich ausbeuterische Branche für ihre Ziele ausgenutzt. "Empowering" - ermächtigend findet sie das.
Für Grey ist das Sex-Geschäft nur ein Zweig der Unterhaltungsbranche wie jeder andere auch. Die Art, wie sie ihre nächsten beruflichen Ziele formuliert, untermauert das: Sie will eine eigene Porno-Produktionsfirma leiten, ein Buch über Sex und Philosophie schreiben, mit ihrer Band "ATelecine" ein Album aufnehmen. Es ist eine vielleicht bald typische Multimedienlaufbahn einer hochbegabten digitalen Autodidaktin.
Für Hüter kleinbürgerlicher Sittlichkeits-Normen wie Tyra Banks ist das schlicht: abartig. Steven Soderbergh hingegen glaubt, Sasha sei eine "brandneue Spezies". Grey, sagt Soderbergh, werde einmal ihre vielfältigen Einflüsse und Erfahrungen zu etwas gänzlich Außergewöhnlichem zusammen fügen.
Sicherlich keine sehr gewagte Prognose.
Quelle: fr-online.de / Foto: dpa
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